Buchbesprechung von Claudia Gierisch, Windischeschenbach

Shahak Shapira, Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!

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Schade…

…das Buch hatte eine große Chance, und sie leider zu einem großen Teil vertan.
Shahak Shapira ist ein Israeli, den es mit 14 Jahren in den Ort Laucha in Sachsen-Anhalt verschlagen hat. Hier sieht er sich von Anfang an antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, die in Laucha offenbar zum altäglichen Leben und auch zum guten Ton gehören. Und auch später in Berlin gibt es immer wieder Rassismus und Antisemitismus. Bis hin zu der Neujahrsnacht 2015, in der er von einer Gruppe Männer angegriffen wurde, die zuvor antisemitische Parolen gegrölt haben. Dies ist der direkte Rassismus, den er erfahren hat. Der Indirekte findet an anderen Orten statt. Zum Beispiel bei der Polizei, als er seine Anzeige aufgibt. Man will seine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung aufnehmen, hat aber ein Problem damit, auch die Anzeige wegen Volksverhetzung aufzunehmen. „Das könnte schwierig werden“, wurde ihm gesagt.
Sicherlich hat der Autor etwas zu sagen, und mir persönlich hat es außerordentlich gut gefallen, dass er sich nicht instrumentalisieren lässt. Auch, oder gerade von der Presse.
Leider ist das Buch sprachlich meiner Meinung nach zweigeteilt. Bei Passagen, in denen er von seiner Familie, z.B. von seinen Großvätern erzählt, ist die Sprache völlig normal. Sehr deutlich, modern und direkt. Der eine Großvater wurde bei dem Terroranschlag bei den olympischen Spielen in München 1972 getötet und der andere überlebte den Holocaust. Die Lebensgeschichte dieser beiden Männer ist wirklich interessant zu lesen. Es gibt weitere Geschichten aus der Familie von Shapira, und immer wenn es um solche Themen oder auch um die eigenen Erlebnisse, in denen er mit dem Rassismus konfrontiert war, geht, dann ist die Sprache völlig normal.
Für mich ist es unerträglich zu lesen, dass es in Deutschland Gegenden gibt, in den Neonazis, die offenbar im ganzen Land bekannt sind, mehr Solidarität erfahren, als die, die von diesem braunen Gesindel drangsaliert werden. Umso mehr hat es mir imponiert, dass Shapira trotz der schlechten Erfahrungen nicht selber hasst und/oder verbittert ist. Er bricht – gerade am Ende des Buches – eine Lanze gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit.

Aber leider haben dem Verlag oder ihm selber dies nicht gereicht und es erscheint mir, als ob das Volumen des Buches künstlich aufgebläht werden musste. Hier werden sowohl Inhalt als auch Sprache für mich unerträglich.
Es interessiert mich tatsächlich überhaupt nicht, dass er als Jugendlicher übergewichtig und von Akne geplagt war. Und noch viel weniger bringt es das Buch und die eigentliche Aussage weiter, wenn er uns erzählt, dass er keine Mädchen abbekommen hat und sich deshalb vor dem Notebook beim Yourporn schauen einen heruntergeholt hat. Auch seine Partnersuche über das Onlineportal Tinder dient wohl er dem Seitenschinden und trägt nicht dazu bei, die eigentlichen Aussagen zu unterstreichen. Leider nehmen diese Einblicke in sein Leben einen sehr großen Teil des Buches ein. Ebenso habe ich es als sehr irritierend empfunden, dass der Autor den Leser immer wieder direkt anspricht. Leider so, dass ich immer das Gefühl bekam, ein sensationslüsterner Gaffer oder selber ein Rassist zu sein. Absolutes Highlight ist die hier Ansprache: „FLASHBACK, IHR FOTZEN!“ Danke, aber Danke nein. So etwas brauche ich nicht.
Für dieses Buch kann ich keine Empfehlung abgeben.

Anmerkung:
Ich finde es toll, dass eine Leserin auch einmal ein Buch mutig verreißt. In der Flut der Neuerscheinungen, die uns jährlich erreicht, gibt es wirklich auch Bücher, die die Welt nicht braucht.
Dazu zu stehen und sich die Mühe zu machen eine negative Rezension zu schreiben, nötigt mir allen Respekt ab.
Ausdrücklich herzlichen Dank für diese Rezension!!

Ihr

Martin Stangl

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